Wahlkampfabschluss der CSU am 12. Oktober 2018 im Löwenbräukeller

Sebastian Kurz, österreichischer Bundeskanzler, und einer derjenigen, der neben Salvini wie kein anderer für die hetzerische Rhetorik gegenüber Flüchtenden und Seenotrettenden sowie für das Vorantreiben der Abschottung Europas steht, wird von der CSU eingeladen um gemeinsam den Wahlkampfabschluss im Löwenbräukeller zu zelebrieren. Damit positioniert sich die CSU schon allein durch ihre Gästewahl klar gegen Menschlichkeit, Humanität und ungeteilt geltende Menschenrechte. Was wohl nicht verwunderlich ist, nachdem sich Seehofer und Söder selbst nicht gerade zurückhaltend verhielten, weder in ihrer Sprache, noch in ihren Taten und Forderungen in Sachen Asyl, Abschiebungen, Seenotrettung und Grenzschutz. Ein Treffen der Drei, so kurz vor einer richtungsweisenden Landtagswahl hier in Bayern, konnten wir nicht unkommentiert geschehen lassen. Aus diesem Grund grübelten wir tagelang über eine passende Aktion. Uns war klar, dass ein reines Vor-Dem-Gebäude-Stehen und Protestieren diesmal nicht ausreichen würde, und kamen zu dem Entschluss, uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Höhle des Löwen zu begeben, um die Drei direkt zu konfrontieren. Gesagt, getan: Wir meldeten uns an und setzen uns ans Bannermalen. Zwei Tage skizzierten und pinselten wir an unserem fünf Meter langen orangen Transparent mit der Aufschrift:
 
„1777 Tote – Auch wegen Euch: Seehofer, Kurz, Söder“  
Zu Beginn der Rede von Sebastian Kurz hielten wir unser Transparent in der Mitte des Saales in die Höhe, ehe wir von den anwesenden Securities „hinauseskortiert“ wurden und wir uns den anderen Protestierenden vor dem Löwenbräukeller anschlossen.
Ziel der Aktion war es, Aufmerksamkeit zu generieren und einVergessen der Toten im Mittelmeer verhindern. Die letzte von den Vereinten Nationen veröffentlichte Zahl sind 1777 ertrunkene Menschen. Die Dunkelziffer ist vermutlich wesentlich höher, da derzeit kaum dokumentiert werden kann, was auf dem Mittelmeer wirklich passiert. Allein in den letzten Tagen gab es einige Berichte von Booten, die in Seenot gerieten und deren Insassen niemand zu Hilfe eilte.
Für diese Situation machen wir als Seebrücke München auch den deutschen Innenminister und den österreichischen Bundeskanzler verantwortlich, denn sie treiben die Abschottung Europas weiter voran und verschieben die europäischen Außengrenzen immer weiter in den afrikanischen Kontinent hinein – mit dramatischen Folgen: Legale und sichere Fluchtwege sind nicht mehr existent und somit werden verzweifelte Menschen in die Hände von skrupellosen Schleppern getrieben und wagen die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer.
 
Wir prangern deutlich an, dass die europäischen Staaten in ihrer Debatte um Seenotrettung sowohl die Rettenden kriminalisieren und den Fokus konsequent auf die sog. „Schlepper-Bekämpfung“ legen, während sie seelenruhigzusehen, wie dabei Menschen an den EU-Außengrenzenertrinken. Denn die ausbeuterischen Schlepper-Strukturen existieren nur, solange „ein Markt“ dafür existiert. Und diesen Markt schafft die EU-Grenzpolitik, indem immer weiter abgeschottet wird und es Menschen quasi unmöglichgemacht wird, auf legalem Weg eine Chance auf eine Lebensperspektive ohne Krieg, Verfolgung und Armut zu bekommen. Die Art und Weise, wie die Debatte auf höchster politische Ebene vor allem in Österreich und Italien, aber auch hier in Deutschland, unter anderem von der CSU geführt wird, zeigt deutlich fehlende Empathie für Flüchtende und dreht die Debatte durch Ihre Rhetorik in eine fehlgeleitete Richtung. Im Fokus müssen die Menschen und deren Lebensperspektivenstehen, nicht die aus europäischer Politik resultierenden Schlepper-Strukturen.
Wir fordern, dass keine weiteren Deals mit angeblich sicheren Herkunftsländern mehr ausgehandelt werden, welche einzig und allein zum Ziel haben, die Flüchtenden aus dem Blickfeld der europäischen Bürger*innen zu drängen.
 
Wir fordern den Aufbau staatlicher Seenotrettungsmissionen, deren echtes Ziel es ist, Menschen vor dem Ertrinken zu retten und nicht, Schutzsuchende auf dem Mittelmeer am Grenzübertritt zu hindern.
 
Wir fordern von EU und Bundesregierung, Seenotrettung zuzulassen und die Aufnahme der Geretteten in Europa zu ermöglichen. Wir fordern auch, sichere und legale Fluchtwege zu ermöglichen und für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern Sorge zu tragen.
 
Wir fordern insbesondere von der bayerischen Staatsregierung, ihre Politik der Abschreckung und Ausgrenzung zu beenden. Statt Flüchtlinge abzuschieben oder in „Ankerzentren“ zu isolieren, fordern wir eine dezentrale Unterbringung und die konsequente Ermöglichung von Arbeits- und Ausbildungsverhältnissen.
 
München und andere bayerische Städte fordern wir auf, sich den Aufrufen von Köln, Bonn, Düsseldorf und Regensburg anzuschließen und geflüchteten Menschen dauerhaften Schutz zu bieten.
 
Wir wollen Brücken bauen, keine Mauern!
 
Das Sterben im Mittelmeer ist politisch gewollt. Dieser Angriff auf Menschenwürde, Grundrechte und internationales Seerecht ist ein Angriff gegen uns alle! Ihm gilt es entgegenzutreten.